Hendrik Krawen - Der angebrochene Tag

Hendrik Krawen, Der Angebrochene Tag, Installation view, 2020, ITALIC


HENDRIK KRAWEN - DER ANGEBROCHENE TAG
7.–28. Juni 2020
Eröffnung / Nur nach Vereinbarung: Sonntag, 7. Juni, 12–18 Uhr

Zu der Ausstellungseröffnung am
Sonntag, den 7. Juni 2020 von 12–18 Uhr
laden wir herzlich ein.

Auf Grund der aktuellen Covid-19 Situation ist ein Besuch der Eröffnung und Ausstellung nur nach Vereinbarung möglich.

Bitte vereinbaren Sie einen Termin via Telefon oder E-Mail.

Tel: +49 30 220 171 47 / E-Mail: info@italic.de

DER ANGEBROCHENE TAG ist Hendrik Krawens zweite Einzelausstellung bei ITALIC. Die vorherige, ICH SING’ DIR EIN LIED, erstreckte sich im Jahr 2017 vom Spätsommer bis in den Winter hinein. Krawen hatte sie in zwei Abschnitte geteilt: im ersten zeigte er sechs einzelne Werke auf einer Seite des Raumes, im folgenden Block beanspruchte das großformatige Ölgemälde »Golf von Oman« die gegenüberliegende, gekachelte Wand für sich. Majestätisch. Und einsam. 

Nun versammelt er 21 Arbeiten, die im Rund durch den Ausstellungsort tänzeln. DER ANGEBROCHENE TAG hat Krawen mit solcher Sorgfalt komponiert, dass weder die Sorgfalt noch die Komposition ausgestellt ist. Ein Fingerschnippen!  – man hört das schnalzende Geräusch noch im Raum widerhallen. 

Hendrik Krawen versteht sich als Maler. Wenn auch viele seiner Arbeiten die Anmutung von Grafik oder Zeichnung haben, so sind sie doch Gemälde. Krawen arbeitet mit ruhiger Hand, mit Pinsel und Öl. Reduzierte Kompositionen, insignienhafte Motive, Popmusik. Aus Drucktechnik, Architektur und Typographie entlehnte Bildelemente. Vieles in DER ANGEBROCHENE TAG ist vertraut. Schattenrissgleiche urbane Motive (Silhouette Nr. 5, 2004, Silhouette Nr.11.1, 2011), eine einzelne Person in nachdenklicher Haltung behütet von streng schraffierten Parzellen einer Weide (Zanz 5, 2011), die dampfende Suppenschüssel mit Kanji-Schriftzeichen und der Chicagoer Telefonnummer zu einer Technoparty (Musik, 1997) der auf der Weltkugel hockende Engel mit Horn und Palmzweig (halbwegs geflickt/ Vers. II, 2020), das weit unten platzierte Gemälde grüner Fliesen (Steine (IV/2), 2018), das mit schwarzem und weissem Rauten-Ornament ein geheimnisvolles Signal zu senden scheint zur Kachelwand vis-a-vis. Mittig auf dieser das Trompe-l’œil Regina in Finsterwalde (2019), eine ausgreifende Schrift über possierlicher Laterne, die wiederum hinüberblickt zur Edition Dezember (Siebdruck, 2003), purzelnde Buchstaben, Antonelli buchstabierend, Dialog und Kopfgeburt zweier Personen.

In DER ANGEBROCHENE TAG gewährt Krawen uns aber auch andere Einblicke. Der Platz im Zentrum der linken Wand gehört dem Gemälde »Marly und Richard«. Ein Paar in aufgeräumtem Szenario, ein verbotenes Duell, eine Illustration aus einem Ritterroman aus dem 18. Jahrhundert. Hochgezogen, das Raster aufgerissen, flächig in klaren Farben koloriert, sie in einem Gelbton, er in Grün, Geäst in Braun – wie ein Panel aus einem Historiencomic der 1960er Jahre: »Ich mache jetzt Popart«, sagt Hendrik Krawen lachend, der Hintergrund aber ist eine aufregende, wolkige Malerei – »und Readymades!«, er weist auf ein Stück Verpackungsmaterial (o.T, 2013) und auf einen bildlosen Bildträger (Peter und Helga, 2020). Die beiden sind aber nicht so bildlos, wie sie auf den ersten Blick scheinen, weil beschrieben mit Schrift und beklebt und schliesslich von Krawen signiert und gerahmt. Oder gerahmt und dann signiert, da der Rahmen hier die Arbeit nicht nur als solche auszeichnet, sondern selbst Teil ist von ihr. Dann Fotografie: ein Paar (Sabine und Silva, 1982/2020) Postpunk, Graustufen, 1980er Jahre, als man noch wusste, sich selbst zu inszenieren, abgeguckt im NME, von britischen Stylisten, die das wiederum abgeguckt haben im kontinentalen Film der 1920er und dann wieder 1960er, wie auf der zweiten photographischen Arbeit (Franz und Ewa, 2020), erneut ein Paar, und eine weitere Inszenierung, gefunden, vergrößert, bearbeitet, klare Konturen, vielleicht tatsächlich ein Filmstill. 

Es geht nicht um ein Sichneuerfinden. Krawen benutzt Techniken und Strategien, die er in der Malerei verfolgt und lange erprobt hat. Und natürlich sieht man in jeder einzelnen Arbeit sein Auge, seine Hand, seinen Eingriff. Dass er ein auf der Straße gefundenes Kartonstück mitgenommen hat, ist kein Zufall. Er mag nicht danach gesucht haben, aber Teil seiner Jahrzehnte langen künstlerischen Praxis ist auch das Genauerhinschauen. Und plötzlich blickt etwas zurück. Und so fand dieser Karton ihn. Und er blieb nicht der einzige. Und vielleicht waren sie ja alle zuerst Material, vielleicht waren sie Proben, Abschnitte, Übungen für ein Gemälde, bis Hendrik Krawen dann nochmals hinsah und wusste: Du bist es, und Du auch – und auswählte – Ihr seid die Arbeit, und sie einpackte und mitnahm, um sie auszustellen, in Dialog treten zu lassen mit den anderen Bildern, dass sie den Raum in ein summendes Schwingen tauchen. Und mit einem Fingerschnippen! machte er sich an die Hängung.

Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag? Wir setzen ihn einfach fort. DER ANGEBROCHENE TAG ist der Abend in der Lieblingsbar. Eine gewachsene Situation, Vertrautheit: Neues und Liegengelassenes. Erinnerungsstücke, Anekdoten der Leichtigkeit – ein sich Wohlfühlenkönnen ohne in Melancholie, Beweihräucherung, Heiligsprechung einsteigen zu müssen. Man sitzt am Tresen, lässt die Augen wandern, sie werden nie müde, man schnappt ein paar Wortfetzen auf, »Wir sind hier nicht in St. Petersburg, Baby!« Aber wenn Dir danach wäre, kannst Du gerne einsteigen, tiefer einsteigen. Solltest Du sogar. Wenn es von sich behauptet, leicht zu sein, dann spricht daraus keine Gleichgültigkeit sondern eine reife Gelassenheit, die es Dir nur einfach machen möchte, einzusteigen: »Umarme mich!« und dabei weiss, dass es Dir der größte Schatz sein kann.

Text: Andreas Reihse

Weitere Informationen über Hendrik Krawen:

italic.de/artist/hendrik-krawen

Begleitend zu der Ausstellung erscheint eine Edition des Künstlers.

Hendrik Krawen, Sabine und Salva, 1982/2020, Fine Art Print, 35 x 24 cm, Edition 10+1 AP

Available here:

italic.de/edition/hendrik-krawen

Installation video: